Rezension
Forum Classicum, 2018/04
Rom zu besuchen ist für jeden Interessierten immer wieder ein besonderes Erlebnis. Wer sich auf diese Reise vorbereiten möchte, kann das auf vielfältige Weise tun, da es ein kaum überschaubares Literaturangebot gibt. Drei Bücher seien genannt, deren Lektüre einen Besuch in der ewigen Stadt in je unterschiedlicher Weise wertvoller gestalten könnte; Filippo Coarelli, Rom. Ein archäologischer Führer. Freiburg 1975, Neubearbeitung von A. Gabucci. Mainz 2000; Erwin Gatz, Roma Christiana. Ein Kulturgeschichtlicher Führer. Vatikan – Rom – römisches Umland, Regensburg 32008; Ulrich Schmitzer, Rom im Blick. Lesarten der Stadt von Plautus bis Juvenal. Darmstadt 2016. Auf die genannten Bücher konnte ein berühmter christlicher Dichter der Spätantike natürlich nicht zurückgreifen: Prudentius. Wahrscheinlich war er im Jahre 401 auf einer Reise von Spanien nach Rom unterwegs und hielt sich wohl ein Jahr in der Stadt auf, in der es neben kirchlichen Feiern auch noch Gladiatorenkämpfe gab. Durch seine umfassende Ausbildung war Prudentius gut auf den Besuch vorbereitet.
Die zu besprechende Studie geht auf eine Dissertation zurück, die an der Humboldt-Universität in Berlin unter der Ägide von Ulrich Schmitzer entstand. Bereits im Vorwort (11–12) betont L. Krollpfeifer (K.), dass im Werke des Prudentius »Wahrheit und Fiktion in ein kontinuierliches Spannungsverhältnis« treten (11). Im Einführungskapitel (13–21) geht K. ganz kurz auf den Aufenthalt des Dichters Prudentius in Rom ein und verzichtet somit auf weitschweifige biographische Angaben, die auch in anderen Publikationen nachgelesen werden können. Sie erläutert präzise Ziel und Aufbau ihres Opus (14–17), bevor sie den heutigen Forschungsstand beschreibt und beurteilt (17–21). In das Zentrum ihrer Studien hat K. die »Rominszenierungen des Prudentius in seiner Schrift Contra orationem Symmachi und in den vier Martyriumsberichten des Liber Peristephanon« gestellt, Schriften, in denen die Stadt Rom der entscheidende »Handlungsraum« (15) ist. Daneben greift K. berechtigterweise auf andere Werke des christlichen Dichters zurück, wenn es sich thematisch anbietet, auch wenn darin die direkte Auseinandersetzung mit der Stadt Rom fehlt. Da die Untersuchungen über die Romideologie sehr zahlreich sind, liegt der Fokus eindeutig auf dem »fiktionalisierten Stadtraum« (15). Ihre Arbeit versteht K. nicht als Wiederholung oder Vertiefung von Aspekten wie das »Verhältnis des Prudentius zu Rom«, sein »Rombild« oder seine »Romideologie« (17). Vielmehr möchte sie zeigen, dass die »Romdichtungen des Prudentius nicht nur auf eine veränderte Rezeption der Stadt als Außenwelt abzielen, sondern vor allem auf eine innerliche Umorientierung ihres Betrachters, die sich wiederum in seinem Verhalten im städtischen Raum widerspiegelt« (21).
Das Buch umfasst fünf mehr oder weniger umfangreiche Kapitel, in denen K. versucht, ihre These darzulegen. Der Titel des ersten Kapitels lautet: Stadt – Religion – Diskurs (22–37). Nach Aussage der Verfasserin bilden zwei Studien die Grundlage für ihre Arbeit. Andreas Felmy hat in seinem Buch »Die römische Republik im Geschichtsbild der Spätantike. Zum Umgang lateinischer Autoren des 4. und 5. Jahrhunderts n. Chr. mit den exempla maiorum.« Freiburg 2001 die Anwendung von exempla aus der Zeit der römischen Republik in der spätantiken Literatur analysiert und somit den Fokus auf ein »literarisches Diskurselement« gelegt (24). Die zweite grundlegende Studie stammt von Steffen Diefenbach und befasst sich mit den römischen Erinnerungsräumen, auf welche Weise die Heiligenverehrung in der ewigen Stadt zur Blüte gelangte und »identitätsstiftende christliche Erinnerungsräume in die antike Stadtlandschaft integriert wurden« (24). Obwohl Rom in der Spätantike mehr und mehr seine ursprüngliche politische Bedeutung einbüßte, sahen die Vertreter der Aristokratie und die maßgebenden Kräfte der römischen Bildungselite ihre Stadt als das ideologische Zentrum des römischen Reiches an (33); urbs und orbis wurden wieder weitgehend der Idee nach deckungsgleich. Dazu trugen einige Kaiser bei, nicht zuletzt Konstantin. Auch einflussreiche Autoren der Spätantike erinnern an bedeutende Ereignisse und Persönlichkeiten der glorreichen Vergangenheit der Stadt Rom. Christliche Autoren versuchen den Eindruck zu erwecken, die Stadt sei durch und durch christlich geprägt. Zu ihnen gehört auch Prudentius.
In den folgenden Kapiteln versucht K. erfolgreich, ihre Perspektive systematisch darzulegen. Kapitel 3 lautet: Prudentius’ Werk Contra orationem Symmachi. Vorüberlegungen zu Form und Programmatik (38-83). Kapitel 4 nimmt einige wichtige Denkmäler in Augenschein: Die pagane Stadttopographie (84–216), während das fünfte Kapitel Rom als Allegorie thematisiert (217–277). Im Focus des sechsten Kapitels steht ein weiteres wichtiges Oeuvre des Prudentius: Der Liber Peristephanon, Neue Wege im Alten Rom (278-–321). Daran schließen sich das Resümee und ein Ausblick an (322–332). Ein umfangreiches und die wichtigsten Publikationen zur Thematik umfassendes Literaturverzeichnis (333–336), der Anhang mit einem Exkurs zum politisch-historischen Kontext (367–369) sowie ein Register (Stellenregister, Personen- und Sachregister) (370–387) beschließen den Band.
Die Autorin präsentiert viele interessante Beobachtungen, die hier nur ansatzweise zur Sprache kommen können. Im dritten Kapitel erläutert sie die besondere Rolle des Lesers, der »als Angesprochener stets mitgedacht werden« muss (60). Durch die »Überlagerung des inneren und des äußeren Kommunikationssystems« wird erreicht, dass nicht die von Prudentius ausgewählten Figuren, sondern »der Leser zum eigentlichen Adressaten der persuasiven Reden« wird (60).
Durch den Vergleich der Techniken, die verschiedene römische Autoren anwenden, wird das besondere Verfahren des Prudentius evident. Bei Vergil, Ovid und Ammian besuchen Fremdlinge die Stadt Rom und ziehen einen Stadtführer heran: bei Aeneas ist dies Euander, bei Ovid ist es ein Kenner der Stadt, der die Führung übernimmt, und bei Ammian sorgt der Senat für ein entsprechendes Programm (89). Den letzten Punkt hat K. von ihrem akademischen Lehrer übernommen (U. Schmitzer, Literarische Stadtführungen – von Homer bis Ammianus Marcellinus und Petrarca, in: Gymnasium 108, 531). Prudentius hingegen lässt keine literarische Figur in Rom auftreten, vielmehr lernt der Leser verschiedene pagane Sehenswürdigkeiten kennen. Der christliche Dichter setzt dabei immer eine genaue Kenntnis der Stadttopographie voraus. Nicht einem Fremden erläutert der Erzähler die einzelnen Monumente, sondern dem Ortskundigen, damit dieser seine Stadt aus der christlichen Perspektive zu sehen lernt (90). Auch anhand der polemischen Ausdrücke, die Prudentius verwendet, lassen sich wichtige Rückschlüsse ziehen. K. greift auf Analysen von Ilona Opelt zurück, die in ihrem Standardwerk zur Polemik schrieb (Die Polemik in der christlichen lateinischen Literatur von Tertullian bis Augustin, Heidelberg 1980): »Die Vorwürfe lassen sich auf drei Argumente verteilen: die heidnischen Götter sind erlogene Götter, sie sind Dämonen, sie sind unmoralisch, sie sind tot« (15). K. erbringt den Nachweis, dass der christliche Dichter spanischer Herkunft in der Tradition christlicher Verfechter ihres Glaubens die römische Religion als unrömisch brandmarkt und diese als superstitio, also als Aberglaube, disqualifiziert. Er erkennt den Geltungs- und Durchsetzungsanspruch der römischen Götter nicht an, weil sie barbarisch seien und somit unrömisch. Prudentius ersetzt somit das »römisch-traditionelle Weltkonzept« paganer Prägung durch das christliche Konzept, wobei die heidnischen Sakralorte durch die heiligen Stätten der Christen abgelöst werden, die dann als »neue Erinnerungsorte« fungieren (325).
K. hat Analysen der Werke des Prudentius vorgelegt, wobei sie den aktuellen Forschungsstand einbezieht und weiter voranbringt. Wer sich mit den Opera des Prudentius befasst, wird mit großem Gewinn auf die Resultate dieser umfassenden Studie zurückgreifen.
Dietmar Schulz







