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Rezension

Forum Classicum, 2025/01

Fragen der Beurteilung von Hieronymus’ Übersetzungsleistung bei der Abfassung der Vulgata und insbesondere nach dem Umfang seiner Kenntnisse des Hebräischen werden in Altertumswissenschaft und Patristik schon lange erörtert und zum Teil kontrovers diskutiert. E. Burstein (1975: La compétence de Jérôme en hébreu, REAug 21, 3–12), P. Nautin (1986: Art. Hieronymus, TRE 15, 309), St. Rebenich (1993: Jerome. The »Vir trilinguis« and the »Hebraica Veritas«, VChr 47.1, 50–77) und Y.-M. Duval (2020: Art. Eusebius Sophronius Hieronymus, Handbuch der lateinischen Literatur der Antike VI 2, 177) befinden seine Beherrschung der hebräischen Sprache als eher gering, während sich C. Buzetti (1973: La parola tradotta, Brixen, 337), G. J. M. Bartelink (1984: Art. Hieronymus, in: M. Greschat (Hrsg.), Gestalten der Kirchengeschichte 2, Stuttgart, 163), I. Opelt (1988: San Girolamo e i suoi maestri ebrei, Augustinianum 28, 327–338), H. Hagendahl/J. H. Waszink (1989: Art. Hieronymus, RAC 15, 134) und H. Schlange-Schöningen (2018: Hieronymus. Eine historische Biografie, Darmstadt, 8 und 82), um nur einige Fachvertreter zu nennen, für seine hohe Sprachkompetenz aussprechen. An dieser wissenschaftlichen Schnittstelle setzt die Untersuchung von Keller (K.) an, um »nicht nur auf den Ebenen von Wort und Satz« wie ihre Vorgänger, »sondern auch auf der des Textzusammenhangs« (11) zu neuen Erkenntnissen und Einsichten zu gelangen. Für diese angestrebte Erweiterung des Blicks auf die Vulgata als Übersetzungswerk wählt die Verfasserin aus drei biblischen Büchern, Genesis, Ruth und Jesaja, Textpassagen aus, die markante Wiederholungsstrukturen enthalten, also etwa etymologisch gleiche hebräische Wurzeln repetieren, um diese Polyptata in unterschiedlichen Textgattungen bzw. -sorten, auf ihre lateinische Wiedergabe zu untersuchen. Zur substantiellen Beurteilung von Hieronymus’ Werk vergleicht sie seine Fassung zusätzlich mit der Vetus Latina und der Septuaginta.
In akribisch differenzierten, präzisen sprachlichen Detailanalysen der Stellen Gen 5,1–8,24; 22,1–19; 39,3–6; 49,22–26 (Synopse 155–166), Ruth 1,1–5; 1,7–22; 1,16f.; 1,20; 2,19–3,1; 3,4–14; 3,11–4,10; 4,11–15; 4,18–22 (Synopse 186–202), Jes 7,1–9; 7,10–25; 45,1–8 (Synopse 123–132) gelangt K. zu dem Ergebnis, »dass die strukturgebenden Merkmale der jeweiligen Ausgangstexte wesentlich die Natur der Übersetzung bestimmen« (222). Hieronymus sei es gelungen, »jeder hebräischen Textstruktur ein lateinisches Äquivalent an die Seite zu stellen«, indem er »textsortenspezifische Ausdrucksmittel [...] ins Lateinische transportier(e). [...] Gerade weil der Übersetzer seinen Vorlagen nicht pauschal und buchweise, sondern Vers für Vers gerecht zu werden sucht, ist seine lateinische Bibel ein literarisches Meisterwerk [...]« (222).
Dieses Resultat bedeutet für die untersuchten Bibelstellen den überzeugenden Nachweis, dass Hieronymus bei der Arbeit an der Vulgata keine chronologische Entwicklung durchmachte, etwa von strengem Literalismus zu freier Wiedergabe, oder sich bei der Übersetzung von in der Liturgie verwendeten Texten und solchen unklarer Metaphorik einer strengeren Wörtlichkeit bediente als in anderen Zusammenhängen, sondern sich bei der sprachlichen Gestaltung des Vulgatatextes in Lexik und Syntax statt anderer Kriterien an der jeweiligen Textgattung bzw. -sorte seiner Vorlage orientierte. Sei es, dass er bei den genealogischen Katalogen in Genesis 5 und Ruth 4 deren starrem, formularischem Charakter folgte (214), sei es, dass er in poetischen Texten wie Genesis 49, Ruth 1,16f. und Jesaja 45 den parallelismus membrorum als Merkmal bibelhebräischer Poesie beachtete (213f.), oder sei es, dass Dialoge und narrative Texte unabhängig vom biblischen Buch und vom Zeitpunkt ihrer Übersetzung deutlich erkennbare gemeinsame syntaktische und stilistische Überformungen erfuhren (215f.), wie K. am Umgang mit den Polyptata veranschaulicht.
Damit ist ihr eine methodisch mustergültige und wissenschaftlich exakte Bereicherung der Vulgataforschung gelungen, deren Rezeption in Zukunft unumgänglich sein dürfte. Zu erwägen wäre allenfalls, ob ein Vergleich der ausgewählten Vulgatapassagen mit den Übersetzungen von Aquila, Symmachus und Theodotion fruchtbar sein könnte. Reizvoll wäre auch der Vergleich dieses Befundes mit dem des Rezensenten gewesen, den er mit ähnlichem methodischem Vorgehen für ein lateinisches Wortfeld erhoben hatte (1992: Schimpfworte in der Bibelübersetzung des Hieronymus, Heidelberg). Solche Gegenüberstellungen hätten aber den Rahmen dieses Buches, einer Masterarbeit, bei Weitem gesprengt und bleiben somit künftiger Forschung vorbehalten.
Michael Wissemann

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Umschlagbild: Gattung und Stil in der Vulgata des Hieronymus

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Gattung und Stil in der Vulgata des Hieronymus

Untersuchungen zur hieronymianischen Bibelübersetzung am Beispiel hebräischer Wiederholungsfiguren
Keller, Dorothea

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